Ein Stückchen Fensterbank, die verwaschene Silhouette eines Betts, und da hinten ein Spiegel? Wie Blogger wohnen erfährt man oft nur durch das puzzlehafte Zusammenrechnen weniger Andeutungen, die im Laufe der Blogexistenz vom Blogger selbst preisgegeben werden. Das ist völlig okay so – es spielt ja keine Rolle. Aber: Genau deshalb ist es auch umso interessanter. In der Kolumne Homebodies besuchen wir Münchner Blogger in ihrem Zuhause – und lassen uns von ihnen darüber erzählen.
Markus Michalek, 30, bloggt (bzw. hat) unter kapinski.wordpress.com (gebloggt.)
“Bloggen ist eine Lebenseinstellung. Für mich ein guter Weg, um einige Formen des Schreibens zu trainieren, um zu experimentieren. Mit herkömmlichen literarischen Schreiben in Formen, die über Kurzprosa oder Fragmente hinausgehen, hat aber zumindest meine Form des Bloggens nichts zu tun. Auch wenn ich längere Texte schon gesplittet online gestellt habe.
Jeder Mensch hat etwas zu sagen. Die Frage, die man sich als Blogger allerdings stellen sollte: Was habe ich wem wie zu sagen? Schließlich betritt man damit die Öffentlichkeit und es gibt immer Menschen, die einen lesen. Den Kapinski-Blog habe ich drei Jahre mit Leidenschaft geführt und vor wenigen Wochen stillgelegt. Es war der richtige Zeitpunkt, diese Kunstfigur in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken, aber löschen werde ich den Blog natürlich nicht. Ebensowenig mit dem Bloggen aufhören. 2011 wird es Neues geben. Natürlich dreht sich wieder alles um Literatur.
Im echten Leben studiere ich (noch), arbeite im Lektorat einer Literaturagentur, treibe mich mit meinen Texten oder Gedichten auf Lesungen herum und führe laut der Aussage verschiedener Menschen ein ziemliches Dichter-Boheméleben. Es könnte schlimmer sein.
Was bedeutet Zuhause für mich? Ich sage, was es nicht bedeutet: Selbstverständliches. Wenn aus den Ecken von Mensch und Ort die Erinnerung ihr nacktes Haupt erhebt.
Mein Nachtkästchen. Neben einem Radio, einem kleinen Buddha, und einer stehengebliebenen Uhr: Eine Variation aus Fotos, Büchern, Zigaretten, Feuerzeug, Aschenbecher, volle oder leere Gläser, Kondomen, Wasser, Alcaselzer. Das Übliche.
Diese Dame auf dem Egon Schiele Plakat ist einzige Frau, mit der ich seit Jahren (ein)schlafe, ohne dass wir uns getrennt hätten (lacht). Nein im Ernst, Schiele ist großartig. Das allein genügt. Daneben im Zuge von Zimmererneuerungsarbeiten leicht übermalt: eine Hommage an Kurt Tucholsky, „eine Treppe“ (sprechen – schreiben – schweigen) Der letzte Eintrag in seinem Sudelbuch. Für einen Schriftsteller eine der besten Beschreibung, um verschiedene Etappen des Schaffens zu beschreiben.
Das ist das Cover des neuen, definitiv hörenswerten Harry-Klein-Samplers. Ich mag diesen kubistischen Club, die abgefahren geile elektronische Musik und die Nächte, die ich dort bis in den Morgengrauen tanzen gehen kann.
Leider ein wenig eng, um auf meiner Fensterbank wirklich bequem zu sitzen – ich tue es dennoch oft und genieße den Ausblick auf die Schellingstraße. Frei wie nie habe ich glaube ich irgendwann aus der Zeit ausgeschnitten. Der Topf war lange zweckentfremdet – Aufbewahrungsort für Erinnerungsstücke wie Fotos oder Briefe und allen möglichen Kram. Als ich mir den Gummibaum angeschafft habe, wurde der Topf rigoros ausgemistet. Jedenfalls gilt: Freiheit war nie der Weg des geringsten Widerstands. Leider wird Freiheit heute oft nur als ein anderes Wort für Egoismus interpretiert. Aber in der Selbstverwirklichungsdiktatur, in der wir leben, muss das wohl so sein. Deswegen: Frei wie nie.
Zu John Lennon und Yoko Ono: mir gefällt diese (emotionale und politische) Utopie – es ist pathetisch bis ins Mark und ich bin ein großer Freund von Pathos. Das Foto daneben zeigt ein Bild, das Joon, ein Freund aus Seoul gemalt hat. „What does a painting mean to me“, ein Gesicht, das vom Weinen ins Lachen wechselt. Leider ist dieser beeindruckende Maler außerhalb seines Landes fast gänzlich unbekannt. Hoffentlich ändert sich das irgendwann, er hätte es verdient.
Vive la fete … denn nur die Straße der Ausschweifungen führt zum Palast der Weisheit. Und eine gute Feier hat noch nie geschadet.
Der Kleine ist ein ehrlicher, toller Begleiter. Und ein wunderschöner kleiner Teufel. Auf seiner Stirn steht ganz groß geschrieben, ich habe nur Unsinn im Kopf! Aber das ist gut so – lieber einen aufgeweckten kleinen Stinker, als eine lethargische Flohfalle. (lacht) Spaß beiseite: ein Hund heißt vor allem, einen klar strukturierten Alltag zu haben. Insofern habe ich meine quasi grenzenlose Freiheit bewusst selbst eingeschränkt, meine Form der Sesshaftigkeit. Und um kurz dem Klischeé zu entsprechen: er ist ein unheimlicher Frauenmagnet. Es ist wirklich unheimlich … (lacht)
Mein Schreibtisch. Von dort aus arbeite ich die meiste Zeit. Egal ob Uni, Agentur, oder an meinem eigenen Manuskripten. Da meine Arbeit ausschließlich aus Schreiben bzw. Textüberarbeitung besteht, kann ich das im Prinzip überall, solange ich einen Rechner zur Hand habe – das Pinakothekenareal gibt bei passendem Wetter ein tolles Außenbüro ab, ebenso diverse Cafes im Viertel. Das ist ein Segen, manchmal aber auch ein Fluch: Der Feierabend ist dadurch längst abgelöst. Aber die Freiheiten, die ich genieße, möchte ich niemals mit einem Großraumbüro oder festen Arbeitszeiten, die komplett fremdbestimmt sind, tauschen müssen. Außerdem könnte ich anderswo wohl erstmal nicht eine derartige Bücherwand aufstellen – mit Büchern, in denen ich nachschlage, Bücher, die mir etwas bedeuten, oder Bücher, die ich zwischendurch immer wieder kurz anlese, um mich zu entspannen. Mein Präsenzbestand sozusagen.
Das Kaffeetischchen. Der „kleine“ Arbeitsplatz – er bietet genau Platz für den Laptop, oder meine Schreibmaschine. Eine Tasse Kaffee, Aschenbecher, sowie ein paar Blankoblätter für Notizen. Oder ich benütze ihn einfach nur zum Kaffeetrinken.
Die alte Ausgabe des Spiegels habe ich bei meinen Eltern gefunden – außen bunt poppig, innen fast alles schwarz-weiß. Mit dem heutigen Magazin hat diese Ausgabe aus den Siebzigern eigentlich fast nichts mehr gemein. Eine schöne Erinnerung, das Leben braucht Popmusik. Die Newtonfotos hängen dort, weil ich den Ausdruck mag, den diese Frauen tragen. Ästhetisch, stolz, nachdenklich, in sich ruhend, verlockend. Und der kleine blonde Racker auf dem runden Bild bin ich. Eine Erinnerung an mein unbeschwertes Kinderlachen, falls es mal nicht so optimal läuft.

Die Einrichtung meines Zuhauses ist mir sehr wichtig, schließlich lebe ich an diesem Ort. Er sollte eine Ästhetik besitzen, die mich widerspiegelt. Unpersönliche Zimmer finde ich grauenvoll. Denn ich bin gern zuhause, aber noch lieber kehre ich dorthin zurück, wenn rasante Zeiten hinter mir liegen. Fünf Jahre lang habe ich außerdem fast ruhelos alle drei, vier Monate umgestellt und die denkbaren, auch die undenkbaren Varianten ausprobiert. Jedes Mal ein kleiner Miniumzug quasi. Mittlerweile glaube ich, ist aber eine wirklich gute Lösung gefunden … eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass eine bedingungslose Sammelleidenschaft ein Zimmer schnell zumüllt. Also raus mit dem Zeug. Denn ich hasse es, wenn der Boden nicht größtenteils sichtbar ist, oder ich mich über alle möglichen (Kleider-, Bücher-, Zeitungs-, …-) Stapel quälen muss, um in meinen vier Wänden von A nach B zu kommen. Freier Boden, das ist essentiell.”
Fotos: Mercedes Lauenstein















One Comment
das “Ausser Atem” Plakat ist einfach toll… und der Kleine Kalle ist halt auch bezaubernd. Klischee hin oder her, oder besser: Klischees sind auch dazu da, erfüllt zu werden. :)
Madame O
One Trackback
[...] Im Vorfeld, alte Worte. [...]